Nur noch eine Nachricht lesen. Dann noch kurz die Kommentare. Danach ein Video zum selben Thema. Plötzlich sind 30 oder 60 Minuten vergangen – und statt besser informiert zu sein, fühlt sich die Welt bedrohlicher an als vorher.
Genau das beschreibt Doomscrolling.
Dabei geht es nicht einfach darum, häufig Nachrichten zu lesen oder viel Zeit am Smartphone zu verbringen. Entscheidend ist ein anderes Muster: Du konsumierst immer weiter belastende, alarmierende oder negative Inhalte, obwohl du merkst, dass sie dir nicht guttun und häufig auch keinen zusätzlichen Informationswert mehr liefern.
Das Problem ist damit weniger die einzelne schlechte Nachricht als die Endlosschleife aus Unsicherheit, Informationssuche und noch mehr Unsicherheit.
In diesem Ratgeber zeige ich nicht nur, was Doomscrolling bedeutet, sondern vor allem, woran du es bei dir selbst erkennen kannst und welche Maßnahmen im Alltag tatsächlich praktikabel sind.
Kurz zusammengefasst
Doomscrolling bezeichnet das wiederholte oder beinahe zwanghafte Konsumieren negativer Nachrichten und Inhalte, häufig über Social Media, Nachrichtenseiten oder endlose Feeds.
Typische Anzeichen sind:
- du liest wesentlich länger als ursprünglich geplant,
- du wechselst von einer schlechten Nachricht zur nächsten,
- neue Informationen verändern dein Verständnis kaum noch,
- du kontrollierst dieselbe Entwicklung ständig erneut,
- du fühlst dich danach angespannter statt besser informiert,
- besonders abends fällt es schwer, das Smartphone wegzulegen.
Die wirksamste Gegenstrategie besteht meiner Ansicht nach nicht darin, Nachrichten komplett zu vermeiden. Sinnvoller ist ein kontrolliertes Informationssystem: wenige gute Quellen, feste Zeitfenster, möglichst keine Push-Nachrichten und ein klarer Punkt, an dem weitere Informationen keinen Mehrwert mehr bringen.
Was bedeutet Doomscrolling genau?
Der Begriff setzt sich aus dem englischen „doom“ für Unheil beziehungsweise drohendes Unglück und „scrolling“ für das Scrollen durch digitale Inhalte zusammen.
Gemeint ist das fortgesetzte Konsumieren überwiegend negativer Inhalte.
Das können beispielsweise sein:
- Kriege und geopolitische Krisen,
- Naturkatastrophen,
- Wirtschaftskrisen,
- politische Konflikte,
- Kriminalfälle,
- Krankheiten,
- persönliche Schicksale,
- kontroverse Social-Media-Diskussionen,
- schlechte Börsennachrichten,
- Katastrophenprognosen.
Doomscrolling findet allerdings nicht ausschließlich auf klassischen Nachrichtenseiten statt.
TikTok, Instagram, Facebook, Reddit, X, YouTube Shorts oder andere Plattformen können eine entsprechende Spirale genauso erzeugen. Hast du einmal mit mehreren negativen Inhalten interagiert, können Empfehlungssysteme weitere ähnliche Inhalte anzeigen.
Aus fünf Minuten Information wird dadurch schnell eine lange Sitzung.
Nachrichten lesen ist noch kein Doomscrolling
Hier liegt eine wichtige Unterscheidung.
Wer sich während einer politischen Krise eine halbe Stunde intensiv informiert, betreibt nicht automatisch Doomscrolling.
Ich würde drei Fragen stellen:
1. Erfahre ich noch etwas Neues?
Wenn der zehnte Artikel im Wesentlichen dasselbe enthält wie die ersten drei, erzeugt weiteres Lesen kaum zusätzlichen Informationswert.
2. Kann ich aufgrund dieser Information etwas tun?
Ein Wetteralarm für meine Region kann eine Handlung auslösen.
Die fünfzigste Meldung über dasselbe Ereignis auf einem anderen Kontinent möglicherweise nicht.
3. Entscheide ich noch selbst, weiterzulesen?
Wenn aus „Ich informiere mich zehn Minuten“ unbemerkt eine Stunde geworden ist, hat sich das Verhältnis bereits verschoben.
Mein einfachster Doomscrolling-Test lautet deshalb:
Mehr Information ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn ist häufig kein Informieren mehr, sondern nur noch Konsum.
Warum ist Doomscrolling so schwer zu stoppen?
Die einfache Erklärung „Menschen mögen schlechte Nachrichten“ greift zu kurz.
Mehrere Mechanismen kommen zusammen.
1. Negative Informationen ziehen Aufmerksamkeit an
Gefahren waren für Menschen evolutionär relevanter als neutrale Informationen.
Eine mögliche Bedrohung zu übersehen konnte gravierende Folgen haben. Deshalb reagieren wir auf negative Ereignisse besonders aufmerksam.
Das ist heute grundsätzlich noch sinnvoll.
Das Problem entsteht durch die Menge.
Unser Gehirn musste früher nicht innerhalb von fünf Minuten Informationen über Kriege, Börsencrashs, Unfälle, Naturkatastrophen und politische Krisen aus allen Teilen der Welt gleichzeitig verarbeiten.
Das Smartphone ermöglicht genau das.
2. Wir wollen Unsicherheit reduzieren
Bei einer unklaren Situation entsteht schnell der Gedanke:
Vielleicht finde ich im nächsten Artikel die entscheidende Information.
Genau deshalb werden bei großen Ereignissen Live-Ticker immer wieder aktualisiert.
Das nächste Update könnte schließlich wichtig sein.
Oft liefert es aber kaum neue Erkenntnisse.
Die paradoxe Folge: Man sucht Informationen, um Unsicherheit zu reduzieren, erhöht durch die dauernde Beschäftigung mit dem Thema jedoch möglicherweise die eigene Anspannung.
3. Es gibt keinen natürlichen Endpunkt
Eine Zeitung besitzt eine letzte Seite.
Eine Nachrichtensendung ist irgendwann vorbei.
Ein Social-Media-Feed endet dagegen praktisch nie.
Nach dem nächsten Beitrag erscheint automatisch der nächste.
Dadurch fehlt ein natürlicher Moment für die Entscheidung:
Jetzt habe ich genug Informationen.
Dieser Punkt muss bei digitalen Medien aktiv selbst gesetzt werden.
4. Fear of Missing Out spielt mit
Auch FoMO – die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen – kann eine Rolle spielen.
Gerade bei schnelllebigen Ereignissen entsteht das Gefühl, ständig informiert bleiben zu müssen.
Doch die meisten wirklich relevanten Nachrichten verschwinden nicht innerhalb von 20 Minuten.
Wenn ein Ereignis auch morgen noch Auswirkungen auf dein Leben hat, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit auch morgen davon erfahren.
5. Emotionale Inhalte erzeugen weitere Interaktion
Ein nüchterner Beitrag wie:
„Die Situation ist unverändert.“
besitzt wenig Spannung.
Ein Beitrag mit:
„Neue dramatische Entwicklung!“
erzeugt wesentlich mehr Aufmerksamkeit.
Das bedeutet nicht, dass jede zugespitzte Meldung falsch ist. Es erklärt aber, warum digitale Feeds besonders leicht mit emotionalen Inhalten gefüllt werden können.
Woran erkenne ich Doomscrolling bei mir selbst?
Nicht die Bildschirmzeit allein entscheidet.
Eine Stunde Navigation, Videotelefonie oder Lesen eines Fachartikels ist etwas völlig anderes als eine Stunde zielloses Scrollen.
Aussagekräftiger sind folgende Signale.
Typische Anzeichen
- Du öffnest Nachrichtenseiten ohne konkreten Grund.
- Du aktualisierst dieselben Seiten mehrfach.
- Du liest viele Artikel über dasselbe Ereignis.
- Du wechselst ständig zwischen mehreren Nachrichten-Apps.
- Du landest regelmäßig bei Themen, nach denen du ursprünglich gar nicht gesucht hast.
- Du liest Kommentare, obwohl sie dich hauptsächlich ärgern.
- Du nimmst dein Smartphone automatisch in die Hand.
- Du bleibst wesentlich länger online als geplant.
- Du liest Nachrichten direkt vor dem Einschlafen.
- Du fühlst dich nach dem Scrollen schlechter als vorher.
Mein 60-Sekunden-Selbsttest
Beantworte diese fünf Aussagen spontan mit Ja oder Nein:
- Ich lese häufig länger Nachrichten als geplant.
- Ich kontrolliere Entwicklungen mehrmals täglich ohne wesentliche Neuigkeiten.
- Ich scrolle weiter, obwohl ich merke, dass mich die Inhalte belasten.
- Mein Nachrichtenkonsum verschiebt manchmal Schlaf oder andere Tätigkeiten.
- Ich könnte die wichtigsten Informationen, die ich gerade gelesen habe, kaum zusammenfassen.
Bei mehreren Ja-Antworten lohnt es sich, den eigenen Nachrichtenkonsum gezielt zu verändern.
Das ist keine medizinische Diagnose, sondern ein praktischer Selbstcheck.
Warum Doomscrolling besonders abends problematisch werden kann
Der Abend ist meiner Ansicht nach der ungünstigste Zeitpunkt für endlosen Nachrichtenkonsum.
Tagsüber gibt es häufig einen natürlichen Abbruch: Arbeit, Termine, Essen oder andere Verpflichtungen.
Im Bett fehlt dieser.
Aus „fünf Minuten Nachrichten“ können dadurch schnell 30 Minuten werden.
Zusätzlich kommt ein zweiter Faktor hinzu: Emotional aufwühlende Inhalte sind kein besonders sinnvoller Übergang vom aktiven Tag zum Schlaf.
Forschung zu Doomscrolling findet Zusammenhänge unter anderem mit psychischer Belastung, FoMO und geringerem Wohlbefinden. Die wissenschaftliche Evidenz entwickelt sich allerdings weiterhin; aus solchen Zusammenhängen sollte nicht automatisch geschlossen werden, dass Doomscrolling allein bestimmte Erkrankungen verursacht.
Praktisch würde ich deshalb eine einfache Regel bevorzugen:
Das Bett ist kein Nachrichtenplatz.
Wer das Smartphone als Wecker benötigt, muss es nicht zwangsläufig aus dem gesamten Schlafzimmer verbannen. Entscheidend ist zunächst, den Nachrichtenfeed aus der Einschlafroutine zu entfernen.
Doomscrolling stoppen: Meine 10 praktischsten Maßnahmen
Viele Ratgeber empfehlen pauschal eine „digitale Detox“.
Das halte ich für unnötig radikal.
Die meisten Menschen wollen und müssen weiterhin erreichbar und informiert bleiben.
Das Ziel sollte deshalb nicht lauten:
Kein Smartphone mehr.
Sondern:
Ich entscheide wieder selbst, wann und wofür ich es benutze.
1. Push-Nachrichten drastisch reduzieren
Der größte Hebel ist gleichzeitig einer der einfachsten.
Nicht jede App benötigt die Berechtigung, deine Aufmerksamkeit jederzeit zu unterbrechen.
Ich würde Push-Mitteilungen nur für Dinge aktiv lassen, die tatsächlich zeitkritisch sind.
Beispielsweise:
- direkte Nachrichten wichtiger Personen,
- Kalendertermine,
- sicherheitsrelevante Warnungen,
- eventuell ausgewählte wichtige Dienste.
Normale Nachrichtenmeldungen benötigen in den meisten Fällen keine permanente Push-Berechtigung.
Der Unterschied ist erheblich:
Du entscheidest, wann du Nachrichten öffnest – nicht die App.
2. Zwei feste Nachrichtenzeiten statt Dauerkontrolle
Ein praktikables Modell sind beispielsweise zwei Nachrichtenfenster:
- einmal mittags,
- einmal am frühen Abend.
Je nach persönlichem Informationsbedarf können bereits 10 bis 20 Minuten ausreichen.
Bei außergewöhnlichen Ereignissen darf dieses System natürlich angepasst werden.
Aber ein Ausnahmezustand sollte nicht zum normalen Medienkonsum werden.
Wer Nachrichten strukturierter konsumieren möchte, findet dazu auch meinen ausführlichen Ratgeber zum bewussten Nachrichtenkonsum.
3. Direkt zur Quelle statt in den Feed
Ich halte diesen Punkt für besonders wichtig.
Wenn du wissen möchtest, ob es Neuigkeiten zu einem konkreten Thema gibt, suche direkt danach.
Schlechter:
Social-Media-App öffnen und schauen, was erscheint.
Besser:
Gezielt nach genau dem Ereignis suchen, das dich interessiert.
Damit wird aus passivem Konsum aktive Informationsbeschaffung.
4. Die Zahl der Nachrichtenquellen begrenzen
Fünfzehn verschiedene Nachrichtenseiten erzeugen nicht automatisch fünfzehnmal mehr Wissen.
Bei großen Ereignissen übernehmen viele Medien ohnehin dieselben Agenturmeldungen oder berichten über dieselben Entwicklungen.
Eine sinnvolle Kombination kann beispielsweise bestehen aus:
- einer breiten nationalen Nachrichtenquelle,
- einer internationalen Quelle,
- einer spezialisierten Quelle für Themen, die dich besonders interessieren.
Bei kontroversen Themen kann eine zweite Perspektive sinnvoll sein.
Das bedeutet aber nicht, zwanzig Varianten derselben Meldung lesen zu müssen.
5. Live-Ticker nur verwenden, wenn „live“ wirklich relevant ist
Live-Ticker sind sinnvoll bei:
- Unwettern,
- Wahlen,
- Sportveranstaltungen,
- Verkehrssituationen,
- unmittelbar relevanten Krisen.
Bei vielen anderen Ereignissen reicht eine Zusammenfassung Stunden später vollkommen aus.
Mein Filter:
Ändert eine neue Information innerhalb der nächsten Stunde eine meiner Entscheidungen?
Wenn nein, benötige ich wahrscheinlich keinen permanenten Live-Ticker.
Eine Meldung kann nach drei Minuten vollständig verstanden sein.
Danach folgen 25 Minuten Kommentare.
Diese liefern häufig keine zusätzlichen Fakten.
Das bedeutet nicht, dass Diskussionen grundsätzlich wertlos sind. Sie erfüllen aber einen anderen Zweck als Information.
Wer sich informieren möchte, sollte deshalb bewusst unterscheiden:
Lese ich gerade Fakten – oder Reaktionen auf Fakten?
7. Smartphone beim Arbeiten außer Reichweite legen
Doomscrolling entsteht häufig nicht aus einer bewussten Entscheidung.
Man wartet fünf Sekunden auf ein Programm, greift zum Smartphone und landet anschließend zehn Minuten im Feed.
Physische Entfernung kann deshalb effektiver sein als reine Willenskraft.
Für konzentriertes Arbeiten und Lernen empfehle ich ohnehin, Benachrichtigungen auszuschalten und das Smartphone nicht direkt neben sich liegen zu lassen. Weitere konkrete Methoden findest du in meinem Beitrag schneller lernen: wissenschaftlich fundierte Methoden für bessere Konzentration.
8. Einen sichtbaren Endpunkt erzeugen
Endlose Feeds besitzen keinen natürlichen Schluss.
Erzeuge deshalb selbst einen.
Beispiele:
- maximal drei Artikel,
- maximal 15 Minuten,
- nur die Startseite einer Nachrichtenquelle,
- nur gespeicherte Themen,
- Timer stellen.
Mir gefällt die Drei-Artikel-Regel besonders gut:
Ein Überblick, eine Vertiefung, gegebenenfalls eine zweite Perspektive. Danach ist Schluss.
Bei den meisten Nachrichten reicht das vollkommen.
9. Nicht schlechte Nachrichten durch Katzenvideos ersetzen
Der häufigste Denkfehler lautet:
Doomscrolling ist schlecht, also schaue ich stattdessen positive Social-Media-Inhalte.
Damit verschwindet möglicherweise die Negativität, aber nicht unbedingt das endlose Scrollen.
Das eigentliche Ziel ist nicht ein glücklicherer Feed.
Das Ziel ist bewusste Mediennutzung.
Manchmal ist die bessere Alternative deshalb schlicht:
- Smartphone weglegen,
- spazieren gehen,
- lesen,
- Sport machen,
- kochen,
- jemanden anrufen,
- schlafen.
10. Informationen in Entscheidungen verwandeln
Eine Information besitzt besonders viel Wert, wenn daraus etwas folgt.
Beispielsweise:
Information: Morgen wird es sehr heiß.
Handlung: Sport auf den Morgen verschieben.
Information: Zugstrecke ist gesperrt.
Handlung: Alternative Verbindung suchen.
Information: Sicherheitslücke betrifft eine verwendete Software.
Handlung: Update installieren.
Bei vielen Doomscrolling-Inhalten fehlt dieser letzte Schritt.
Du sammelst immer mehr Informationen, ohne dass daraus irgendeine Handlung entsteht.
Mein persönlicher Filter lautet deshalb:
Informiert mich diese Nachricht – oder beschäftigt sie mich nur?
Dieser Unterschied ist größer, als er zunächst klingt.
Mein persönliches Anti-Doomscrolling-System
Wenn ich das Thema auf ein möglichst einfaches System reduzieren müsste, würde ich fünf Regeln verwenden:
Regel 1: Keine normalen Nachrichten-Pushmeldungen
Wirklich relevante Entwicklungen erfahre ich trotzdem.
Regel 2: Nachrichten gezielt öffnen
Nicht aus Langeweile oder automatisch.
Regel 3: Bei einem Thema maximal wenige Quellen
Nicht denselben Sachverhalt immer wieder lesen.
Regel 4: Kein Newsfeed im Bett
Der Tag benötigt irgendwann einen Informationsschluss.
Regel 5: Nach der Information eine Entscheidung treffen
Entweder:
- Handlung notwendig,
- später erneut prüfen,
- zur Kenntnis genommen.
Danach Thema schließen.
Gerade dieser letzte Punkt verhindert, dass Informationen als offene Schleifen im Kopf hängen bleiben.
Kann KI beim Doomscrolling helfen?
Künstliche Intelligenz kann eine interessante Zwischenstufe sein.
Anstatt 15 Artikel vollständig zu lesen, können längere Informationen beispielsweise zusammengefasst und strukturiert werden.
Sinnvolle Fragen wären:
- Was hat sich seit gestern tatsächlich verändert?
- Welche drei neuen Fakten sind relevant?
- Welche Aussagen sind lediglich Wiederholungen?
- Welche Informationen erfordern eine konkrete Handlung?
- Welche Punkte sind noch unklar?
Das kann die Informationsmenge erheblich reduzieren.
Allerdings darf daraus nicht der nächste Fehler entstehen: Eine KI-Zusammenfassung ist bei aktuellen oder wichtigen Ereignissen nicht automatisch eine verlässliche Primärquelle.
Zentrale Aussagen sollten weiterhin anhand seriöser Originalquellen überprüft werden.
Wie ich KI grundsätzlich als Werkzeug für Strukturierung und Entscheidungen einsetze, zeige ich ausführlicher in KI im Alltag: 25 praktische Anwendungen von ChatGPT & Co..
Was tun bei einer echten Krise?
Während einer akuten Krise gelten andere Regeln.
Bei einer Naturkatastrophe, einem Sicherheitsereignis oder einer anderen unmittelbar relevanten Situation kann häufigeres Aktualisieren sinnvoll sein.
Dann würde ich jedoch gerade nicht wahllos Social Media konsumieren.
Besser ist eine kleine Hierarchie:
- offizielle Warnungen und Behörden,
- seriöse aktuelle Nachrichtenquelle,
- gegebenenfalls lokale Informationen,
- Social Media nur ergänzend.
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen:
„Es gibt neue Informationen.“
und
„Es gibt neue Beiträge.“
Das ist nicht dasselbe.
Doomscrolling bei Krieg, Krisen und schlechten Nachrichten
Gerade bei großen Krisen entsteht schnell ein moralisches Problem.
Manche Menschen haben das Gefühl, sie dürften den Nachrichtenstrom nicht abschalten, weil andere Menschen tatsächlich von der Krise betroffen sind.
Doch permanentes Lesen verändert die Situation der Betroffenen nicht automatisch.
Informiert zu sein kann wichtig sein.
Sich selbst über Stunden mit denselben Bildern und Meldungen zu belasten, besitzt dagegen häufig keinen zusätzlichen Nutzen.
Man darf deshalb gleichzeitig:
- ein Ereignis ernst nehmen,
- informiert bleiben,
- Mitgefühl haben,
- helfen,
- und trotzdem das Smartphone weglegen.
Doomscrolling oder einfach nur viel Smartphone?
Nicht jede intensive Smartphone-Nutzung ist Doomscrolling.
Vier typische Fälle lassen sich unterscheiden:
| Verhalten | Doomscrolling? |
|---|---|
| 60 Minuten ein Fachvideo ansehen | eher nein |
| 30 Minuten gezielt Nachrichten recherchieren | nicht zwingend |
| 45 Minuten von Krisenmeldung zu Krisenmeldung springen | wahrscheinlich |
| 60 Minuten belanglos durch Unterhaltung scrollen | eher kein Doomscrolling, aber möglicherweise problematische Mediennutzung |
Der Inhalt und das Nutzungsmuster sind deshalb wichtiger als die reine Bildschirmzeit.
Was ich nicht empfehlen würde
Nachrichten komplett vermeiden
Wer Nachrichten vollständig meidet, löst das Informationsproblem nicht.
Gezielter Konsum ist meistens die bessere Lösung.
Jede Minute Bildschirmzeit überwachen
Bildschirmzeit ist nur eine Kennzahl.
Zwei Stunden Navigation auf einer Reise haben eine andere Qualität als zwei Stunden TikTok.
Zehn verschiedene Anti-Doomscrolling-Apps installieren
Auch das kann wieder zu einem Optimierungsprojekt werden.
Beginne lieber mit Betriebssystem-Funktionen wie:
- Benachrichtigungen,
- App-Zeitlimits,
- Fokusmodus,
- Nicht-stören-Modus.
Sich auf reine Willenskraft verlassen
Ein Smartphone liegt fünf Zentimeter entfernt und zeigt ständig neue Benachrichtigungen an.
Dann lautet das Problem nicht mangelnde Disziplin.
Das System ist schlecht eingerichtet.
Verändere zuerst das System.
Die 7-Tage-Challenge gegen Doomscrolling
Wer sein Nutzungsverhalten testen möchte, kann eine Woche lang folgendes Experiment durchführen.
Tag 1: Beobachten
Noch nichts verändern.
Nur notieren:
- Wann öffne ich Nachrichten?
- Warum?
- Wie lange?
- Wie fühle ich mich danach?
Tag 2: Pushmeldungen reduzieren
Alle nicht zeitkritischen News-Benachrichtigungen deaktivieren.
Tag 3: Nachrichtenzeiten festlegen
Zwei konkrete Zeitfenster bestimmen.
Tag 4: Schlafzimmer newsfrei machen
Keine Nachrichten mehr im Bett.
Tag 5: Quellen reduzieren
Die drei wichtigsten Informationsquellen auswählen.
Tag 6: Drei-Artikel-Regel testen
Bei einem Thema maximal drei relevante Beiträge lesen.
Tag 7: Bilanz ziehen
Vergleiche:
- Bin ich schlechter informiert?
- Habe ich wichtige Dinge verpasst?
- Wie viel Zeit habe ich gespart?
- Fühlt sich mein Nachrichtenkonsum kontrollierter an?
Interessant ist nicht, ob die Regeln perfekt eingehalten wurden.
Entscheidend ist die Frage, welche Einschränkungen tatsächlich einen Unterschied gemacht haben.
Diese können anschließend dauerhaft bleiben.
Wann Doomscrolling mehr als eine schlechte Gewohnheit ist
Nicht jedes Doomscrolling benötigt professionelle Unterstützung.
Problematisch wird es insbesondere, wenn der Medienkonsum dauerhaft:
- den Schlaf erheblich beeinträchtigt,
- Arbeit oder Ausbildung stört,
- Beziehungen belastet,
- starke Ängste verstärkt,
- kaum noch kontrollierbar erscheint,
- oder wesentliches Leiden verursacht.
Dann sollte nicht nur versucht werden, den nächsten Bildschirmzeit-Trick zu finden.
Professionelle psychologische oder medizinische Beratung kann in solchen Situationen sinnvoll sein.
Fazit: Das Ziel ist nicht weniger Wissen, sondern weniger Informationsrauschen
Doomscrolling lässt sich nicht sinnvoll dadurch lösen, dass man sich von der Welt abschottet.
Der bessere Ansatz lautet:
relevante Informationen behalten und den endlosen Rest entfernen.
Dafür braucht es meiner Erfahrung nach keine komplizierte digitale Entgiftung.
Die größten Hebel sind erstaunlich banal:
- Push-Nachrichten reduzieren,
- feste Nachrichtenzeiten,
- wenige gute Quellen,
- keine Newsfeeds im Bett,
- bewusstes Ende nach ausreichender Information.
Die wichtigste Frage ist letztlich nicht:
Wie viel habe ich heute gelesen?
Sondern:
Was weiß ich jetzt, was ich vorher nicht wusste – und was mache ich mit dieser Information?
Wenn darauf keine Antwort mehr folgt, ist häufig der richtige Zeitpunkt gekommen, das Smartphone wegzulegen.
Häufige Fragen zu Doomscrolling
Was ist Doomscrolling?
Doomscrolling bezeichnet das fortgesetzte Konsumieren negativer oder belastender Nachrichten und Online-Inhalte, obwohl daraus kaum noch zusätzlicher Informationswert entsteht oder der Konsum bereits als unangenehm empfunden wird.
Woher kommt der Begriff Doomscrolling?
Der Begriff kombiniert die englischen Wörter „doom“ und „scrolling“. Größere Bekanntheit erhielt er insbesondere während der COVID-19-Pandemie, als viele Menschen ständig neue Nachrichten und Statistiken verfolgten.
Ist Doomscrolling eine Krankheit?
Doomscrolling ist keine eigenständige medizinische Diagnose. Es beschreibt zunächst ein Verhaltensmuster. Problematisch kann dieses werden, wenn der Medienkonsum Schlaf, Alltag oder psychisches Wohlbefinden deutlich beeinträchtigt.
Warum kann ich mit Doomscrolling nicht aufhören?
Negative Informationen ziehen Aufmerksamkeit auf sich, Unsicherheit erzeugt weiteren Informationsbedarf und digitale Feeds besitzen keinen natürlichen Endpunkt. Zusätzlich kann die Angst, wichtige Entwicklungen zu verpassen, das Weiterscrollen fördern.
Wie kann ich Doomscrolling schnell stoppen?
Als Sofortmaßnahme:
- App schließen.
- Smartphone außer Reichweite legen.
- Benachrichtigungen deaktivieren.
- Einen festen Zeitpunkt für das nächste Nachrichten-Update festlegen.
- Zu diesem Zeitpunkt gezielt eine seriöse Quelle öffnen.
Damit ersetzt du spontanes Kontrollieren durch geplanten Informationskonsum.
Das kann helfen, ist aber nicht zwingend notwendig. Häufig reichen deaktivierte Benachrichtigungen, Zeitlimits und ein bewussterer Umgang mit Feeds bereits aus.
Wie viel Nachrichtenkonsum pro Tag ist gesund?
Eine allgemeingültige Minutenzahl gibt es nicht. Wichtiger ist, ob der Konsum zielgerichtet bleibt, andere Aktivitäten nicht verdrängt und nach dem Lesen tatsächlich zusätzlicher Erkenntnisgewinn vorhanden ist.
Warum ist Doomscrolling nachts besonders problematisch?
Im Bett fehlt häufig ein natürlicher Endpunkt für die Nutzung. Zusätzlich können emotional aufwühlende Inhalte das Abschalten erschweren und das Scrollen verschiebt möglicherweise die Schlafenszeit.
Sollte man schlechte Nachrichten komplett vermeiden?
Nein. Negative Nachrichten können gesellschaftlich und persönlich relevant sein. Ziel ist nicht die Vermeidung schlechter Nachrichten, sondern die Vermeidung unnötiger Wiederholungen und endlosen Konsums.
Was ist der Unterschied zwischen Doomscrolling und normalem Scrollen?
Beim Doomscrolling stehen überwiegend negative oder bedrohliche Inhalte sowie das schwer kontrollierbare Weiterkonsumieren im Vordergrund. Normales endloses Scrollen kann ebenfalls problematisch sein, muss aber keine negativen Nachrichten enthalten.
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